Bericht anlässlich der Tagung BET DEBORA 2001.
Eine Gemeinschaftsarbeit von Dr. Rachel Herweg und M.A. Rea Gorgon.


Das Comingout des INTER -
Interreligiosität, Homosexualität und Transgender
als Herausforderung an uns und unsere Gemeinden ©


 

Eine jüdische Familie besteht traditionell aus einer jüdischen Frau, einem jüdischen Mann und jüdischen Kindern. Wie aber gestaltet sich Familie, wenn eine PartnerIn nicht-jüdisch oder gleichgeschlechtlich ist oder gar eine Geschlechtsumwandlung vollzieht?
Was geschieht hier mit Judentum, mit Familienverständnis, mit der Kindererziehung? Wie gestalten sich interkulturelle, interreligiöse oder gender-Partnerschaften?
Eine kleine Gruppe von Frauen traf zusammen, um sich hierüber auszutauschen. Ein anfängliches und fruchtbares Gespräch. Denn was eignet sich besser dafür, einen Mythos seiner zeitgebundenen Konstruktion zu überführen als die bereits gelebte Realität? Zu dieser Erfahrung gehört auch - wie eine heterosexuell lebende TN zum Ausdruck brachte: dass der Mythos Familie "so unereichbar" sei.

Bereits die Annäherung an unser gemeinsames Thema über die Fragesstellung "Was ist für uns Familie?" machte sichtbar, dass unsere heutige Wirklichkeit eine Vielfalt von Lebens- und Familienformen ermöglicht hat, die auch in jüdischen Familien neue Perspektiven und Problemfelder eröffnen: Entwicklungen, die einerseits als Reichtum begriffen, andererseits aber auch als Aufgabe und Konflikte formuliert wurden. Anwesend waren jüdische Frauen, die in nicht-jüdischen (christlichen oder muslimischen) Partnerschaften leben, christliche Frauen mit jüdischen PartnerInnen, heterosexuell, homosexuell oder als transgender lebende Frauen. Alle gewählten oder gewachsenen Identitäten der Anwesenden rieben sich entweder an der Unerreichbarkeit des Mythos Familie oder aber an seiner heterosexuellen und auch rituellen Grundlage. Vor allem für lesbisch lebende Frauen ergab sich ein Spannungsfeld zwischen der sog. biologischen Familie und der "Freundeskreisfamilie". Diesen Begriff prägte eine TN, die für sich eine Gleichwertigkeit herstellte zwischen diesen beiden Familienformen, von denen die eine biologisch als zweigeschlechtlich begründet ist und in Generationslinien verläuft, während sich eine Familie aus Freunden erst langsam entwickeln und sich eigene Normen und Werte verleihen muss.

Gerade homosexuelle und lesbische familiäre Beziehungsformen scheinen durch ihre Möglichkeiten der traditionsungebundenen Lebensgestaltung klassische Familienbilder zu relativieren und die traditionelle Familie endgültig in den Bereich des Mythos zu verweisen. Sichtbar wird hierdurch eine Vielfalt von Familienformen, die jedoch Konflikte provozieren zwischen den Bewegungen der Tradition und der Entwicklung auch neuer gemeinsamer und religions-übergreifender Rituale.

  


 

Eine Erweiterung des Familienverständnisses, das sich über die klassische und heterosexuelle Definition hinwegsetzt, formulierte eine TN so: "Familie - egal ob hetero- oder homosexuell - liegt dann vor, wenn Erwachsene, unabhängig vom Geschlecht, Kinder haben oder mit Kindern zusammenleben." Diese Sichtweise brachte sowohl die Einbindung und Wertschätzung eines traditionellen biologischen Familienbezugs zum Ausdruck als auch die Absonderung hiervon. Unabhängig von der Form der Familie herrschte Einigkeit darin, dass Familie ein Ort des Vertrauens, der Sicherheit, der Verständigung und vor allem der Kompromisssuche ist. Ein Ringen um Kompromisse wird vor allem auf der Ebene der Teilnahme an den jeweiligen unterschiedlichen Ritualen nötig wie auch in der religiösen Erziehung der gemeinsamen Kinder.

Gerade die Existenz von Kindern scheint bei den Eltern die Frage nach ihrem Jüdischsein, nach jüdischen Ritualen und gemeinsamem oder auch getrenntem Umgang erneut und verschärft zu stellen. So ist es durchaus möglich, dass vor der Geburt eines Kindes theoretische Einigkeit darüber hergestellt wurde, dass das einmal kommende Kind jüdisch erzogen wird, während sich nach der Geburt auch der nicht-jüdische Partner auf seine eigene Religion zu besinnen beginnt. Bei der Erziehung der Kinder scheint sich die Ebene des Kompromisses als schwierig zu erweisen. Kinder werden in einer oder keiner Religion erzogen. Eine TN brachte diese auch Generationsproblematik mit folgenden Worten auf den Nenner: "Am Kinde beweist es sich." - An Kindern wird die Loyalität der Erwachsenen gegenüber der eigenen Familie und Gemeinde, dem eigenen Volk und Gott bewiesen. Eine Loyalität, der vor der Geburt durchaus nicht dieses Gewicht beigemessen wird.

Die Kompromisse, die in interreligiösen Partnerschaften entwickelt, erarbeitet, errungen, erkämpft werden, sind vielfältig und gestalten sich entlang an Ritualen. Hier reicht die Spannweite von Verhalten von Abgrenzung gegen das neue Ritual des/der Anderen bis hin zur Aneignung desselben auch zum besseren gegenseitigen Verständnis der PartnerIn. Hier werden emotionale Gefühlslagen der Wärme und Geborgenheit wie auch des Fremden und der Vermischung erzeugt, getragen von gemeinsamen Bibelstudien, gemeinsamen Synagogen- und manchmal auch Kirchenbesuchen wie auch gemeinsamen Hausritualen. Doch auch das "Mitmachen" des/r Einen bis hin zur Überforderung ist manchmal bedrohlich und erzeugt Partnerschaftsprobleme. Wichtig erscheint hier die jeweilige Toleranz der Inszenierung unterschiedlicher, auch neu kreierter religiöser Rituale. So werden etwa im gemeinsamen Gebet jene Texte ausgesucht, die keine/n der beiden PartnerInnen in ihrem religiösen Empfinden verletzen. Dies fordert gleichzeitig heraus zur Reflexion antisemitischer und auch rassistischer Gebetsinhalte.

Der Effekt eines gelungenen gemeinsamen jüdisch-christliches Rituals wurde von einer TN so beschrieben: "Wir haben das so gemacht, wie wir es für uns beide für richtig hielten. Wir haben keinen Rabbi nach seinem Urteil gefragt." Diese Position benötigt jedoch Mut, traditionellen Gegebenheiten den notwendigen Freiraum der persönlichen Partnerschaftsentwicklung zu gewähren.

Bis vor kurzem noch schien es nicht möglich zu sein, das Geschlecht zu wechseln. Seit der Zweiten Frauen- und Emanzipationsbewegung gehört es zwischenzeitlich zur Normalität, dass aus einem heterosexuellen Menschen ein homosexueller werden kann. Die zunehmende Freiheit unserer je eigenen Lebensweltgestaltung machte hier jedoch nicht halt. Auch wenn ein Geschlechterwechsel immer noch von vielen Tabus umgeben ist, so ist er doch möglich geworden und im Rahmen unserer Gesellschaft sogar gesetzlich legitimiert. Im religiösen Bereich, in dem die Zweigeschlechtlichkeit in allen monotheistischen Religionen als gottgegeben betrachtet und direkt aus den Schöpfungsbericht(en) abgeleitet wird, erscheint dieser Akt geradezu als Blasphemie, als Einmischung in eine gottgewollte Ordnung, die dem Menschen zu ändern nicht zustehe. Somit erweist sich diese Öffnung von Veränderungsmöglichkeiten als eine der größten Herausforderungen kultureller, religiöser und auch säkularisierter Werte und Normen. Eklatant und real wird diese Herausforderung gerade für das Familienverständnis und -leben, wenn eine Tochter, ein Sohn oder gar der/die verehelichte PartnerIn das Geschlecht wechselt.

Hier wird die heterosexuelle Partnerin mit der Situation konfrontiert, anstelle eines Ehemannes nun plötzlich eine Ehefrau an der Seite zu haben. Oder der homosexuelle Partner, die lesbische Partnerin, wird zur heterosexuellen Person. Beide sprengen die jeweiligen Normen. Kinder, soweit vorhanden, haben nun plötzlich nicht mehr Vater und Mutter, sondern zwei Mütter oder zwei Väter. Jedoch wird die Person mit ihrem gewachsenen Charakter und individuellen Besonderheiten nicht zu einem neuen und ganz anderen Menschen. Was sich hier ändert, sind zugewiesene soziale und Geschlechterrollen. Sie fordern existenziell dazu heraus, das biologische Geschlecht als veränderbar zu realisieren. - Wer mag hier angesichts der bereits in der Tora postulierten Freiheit des Menschen entscheiden, was gottgewollt ist oder nicht?

So bezeichnete eine TN ihr jüdisches comingout nach vielen Ehejahren für die Partnerin schon als große Herausforderung, das comingout als Transgenderfrau jedoch als die größte, aber doch notwendige Zumutung.

Wir wissen heute aus der Rechtsgeschichte, etwa aus der Entwicklung des Familienrechts, dass sich Gesetze immer nachgängig zur gelebten Wirklichkeit verändern. Dieser Prozess gilt auch für Religionen, ihre Institutionen und Traditionen, die sich veränderten Bedürfnissen anpassen (müssen). Sonst verlieren sie auf Dauer ihre Mitglieder oder erleben ihre gläubigen Mitglieder im leidvollen Zustand der Inauthentizität, des Scheins, der Zwiespältigkeit und Verheimlichung ihrer "wirklichen" Person; ein unfruchtbares Klima auch für Gemeinden, egal welcher religiösen Ausrichtung.

Nicht nur in der feministischen Theorie gehört es mittlerweile zum allgemeinen Bildungsgut, dass die Ausprägung der jeweiligen Geschlechtlichkeit keine Naturkonstanten sind, sondern sich in einem historisch-kulturellen Prozess als männliche und weibliche Stereotypen formen. Geschlechtlichkeit wird immer wieder in Szene gesetzt durch soziales Handeln, insbesondere auch durch religiöse Rituale bis hin zum medizinischen Ritual frühkindlicher "Geschlechtsbegradigung". Die Vielfalt der biologischen Natur erscheint gerade nicht nur zweigeschlechtlich in stets eindeutiger weiblicher und männlicher Ausprägung, sondern erzeugt Zwischentöne der Uneindeutigkeit, die jedoch einem großen dualistischen Ordnungs-Machtmonopol geopfert und extremst tabuisiert werden.

So erscheint die rituelle, auch rituelle Familienordnung wie auch die heterosexuelle (und homosexuelle) duale Geschlechterordnung in ihrer traditionellen und von Gott abgeleiteten Form als Ausdruck religiöser, sozialer und auch säkularisierter Machtverhältnisse. Man könnte hier von einer geschlechterbezogenen Dominanzkultur sprechen, die sich zwanghaft gerade auch auf die Gestaltung von Männern als Männer und Frauen als Frauen mit all ihren geschlechtsspezifischen und geschlechtsdiskriminierenden Rollen auswirkt.

Doch die Welt ist in ihrer Erscheinung komplizierter und vielfältiger geworden. Gerade die Auflösung von Dualismen zugunsten des Hervortretens von Zwischentönen ist ein Zeichen der Moderne, ein Signum unserer Gegenwart. Sie fordert heraus zur Auseinandersetzung und Veränderung festgefahrener und entwicklungsbehindernder Traditionen. Sie fordert auch heraus zur Rückbesinnung auf dieselben Traditionen, um genau jenen Bestandteilen von Tradition ihre Geltung zu verleihen, die eine offene Entwicklung für Menschen ermöglichen. Veränderungen, die nicht mehr "Mythen ohne Menschen" dienlich sind, sondern bereits gestaltete Wirklichkeiten von Menschen, egal welcher Religion und welchen Geschlechts, gerecht werden. Sie fordert auch auf zu Prozessen der gegenseitigen Verständigung, zu Akzeptanz, Lernen und Verstehen und auch zur möglichen und erwünschten Integration von Menschen, die andere Lebensentwürfe wählen als die eigenen, in religiöse Netzwerke und Glaubensgemeinschaften.

Vorauseilend zur nächsten Bet-Debora-Konferenz, die sich dem Thema der Macht zuwenden wird, wollen wir daher das Thema "Macht und Geschlecht" ausgestalten. Die Macht der Kategorie Geschlecht (gender) im sozialen und religiösen Kontext. All diejenigen, die sich hierzu äußern und sich am Zustandekommen einer Anthologie beteiligen wollen, sind dazu eingeladen.

Email:
Dr. Rachel Herweg (rachelherweg(at)gmx.net)
MA Rea Gorgon (rea.gorgon(at)gmx.net)

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