Die Reise    (Textauszug)  ©


 

Der Anruf kam an einem Montagabend. Der Mutter ginge es sehr schlecht. Lotte habe in der Nacht Wache gehalten. Nein, ich soll noch nicht losfahren. Warte bis Morgen früh, wir sind uns nicht sicher.
Zwischen mir und unserer Mutter liegen 700 Kilometer und ein gemeinsames Leben in der Distanz. Die Mutter liegt nun im Sterben, auch wenn man sich nicht sicher ist. Niemand kann einschätzen, ob sie noch zwei Tage, eine Woche, einen Monat oder länger leben wird. Des Öfteren sah es so schlimm aus. Wer weiß schon, wann der letzte Atemzug durch ihre Lungenflügel röcheln wird. Unsere Mutter ist zäh und ihr Wille ungebrochen. Doch was Mutter will, weiß im Moment niemand.
Als ich sie vor zwei Jahren im Alters- und Pflegeheim besuchte, sprach ich mit ihr, die schweigsam geworden war, noch einmal über Gott und die Welt, über Leben und Tod, ihr Leben und ihren kommenden Tod.
"Mutter, betest du noch", fragte ich sie.
"I bet bloß no, wenn i Luschst han", antwortete sie mit der Stimme einer Triumphierenden, die zu lange das tat, was der Pfarrer und auch der Papst von ihr wollten. Für ihre Kirche hatte sie auf Verhütung verzichtet und die Vielzahl der Kinder, von denen manche gegen ihren Willen kamen, dem Josef angelastet, der nicht aufgepasst hatte. Bei diesen Worten huschte ein Lächeln über mein Gesicht.
"Woischt, der Herrgott duat emmer abbas anders als i will. Eisere Willa passed nicht zusammen. Mein Wille und sein Wille sind nicht dasselbe." Bei diesen Worten schlug sie mit der linken Faust auf ihren Schenkel und beendete das Thema.
Eines Tages will sie katholisch beerdigt werden. Das sagte sie fast bittend, als würde sie ahnen. Damit wünschte sie sich einen Platz in einem ordentlichen Holzsarg, der zu ihrem Liebsten hinuntergelassen werden würde. Dort würde sie ihrem Josef entgegenverwesen. Gepflegt soll die letzte Kischte sein, wie sie manchmal ihren Sarg nannte, denn niemand sollte denken, Mutter wäre arm, was sie in ihrem hohen Alter auch nicht mehr war. Mehr will die 87-Jährige nicht vom Tod wissen.
"I will no was vom Leben haben", sagte sie halb im Dialekt, halb in der Schriftsprache. So nannte Mutter ihr Leben lang die hochdeutsche Sprache. Sie taugte nur zum Schreiben. Gelebt und geredet wurde im Dialekt. Doch wenn die schwäbischen Worte schriftsprachig ihren Mund verließen, hatte dies eine besondere Bedeutung. Die Schriftsprache benutzten Herrschaften. Das waren die Gebildeten, die Studierten, die Häuser und Firmen, Felder und Ländereien, Geld und Macht besaßen. Die Vornehmen, die sich anders benahmen als sie redeten und sich aufführten wie ein Graf Gockel. Die Vornehmen und die Reichen, denen man nicht trauen konnte, da sie ihre Worte nicht hielten. Dazu zählte sie auch die Politiker, die vor den Wahlen etwas anderes sagten als was sie danach taten. Auch ihnen traute sie nicht mehr. Nicht, wenn es um Geld und Macht ging. Eine solche Macht hätte sie gerne jetzt und auch schon früher in ihrem Leben gehabt.
Nun wollte Mutter erneut Macht, um noch etwas vom Leben zu haben. Eine letzte Macht, die sie ihrem Herrgott mit dem anderen Willen abtrotzen wollte. Das war vor ihrem linken Oberschenkelhalsbruch im Heim. Danach wollte sie nichts mehr. Nur noch in ihrem eigenen Zuhause zu Ende leben.
In jenem Haus, das in die Masse des Aufbaus nach dem vergessenen Krieg einging. Über jenen Krieg und auch über den Bau ihres Hauses hat Mutter nicht reden wollen. Wir Kinder wussten nur, dass wir ein Zuhause in einem eigenen Haus besaßen, weil Vater mit einem Holzbein lebte. Dafür erhielt Vater eine Invalidenrente in Höhe von 77,40 Reichsmark, die durch die Währungsreform der Westzonen im Juni 1948 auf 7,74 DM schrumpfte. Das lohnte nicht mehr. Da entschieden sich die Eltern für eine einmalige Auszahlung. Jetzt brauchte man das Geld. Und nicht später. Mit so vielen Kindern findet man keine Mietwohnung mehr. Und wer weiß schon, wie lange Vater lebt. Irgendeine Versicherung hatte damals eine Abfindung gezahlt, mit der die Eltern beginnen konnten, ihr eigenes Haus zu bauen.
Am 17. September 1950 richteten der einstige Dienstknecht Josef und die einstige Dienstmagd Maria ihr Gesuch an die Stadtverwaltung. Nur zwölf Tage später war der Gemeinderat mit der Zuweisung eines Bauplatzes am Friedhof einverstanden. Schon in drei Wochen würde ich durch meine Geburt Mutters und auch Vaters Familie vergrößern, eine Familie, die bereits auf fünf lebende Kinder und zwei tote angewachsen war. Die Amtspost wie auch die Kaufurkunde waren mit Vaters Namen versehen, doch Mutter war die eigentliche Eigentümerin, die alles bestimmte und der nichts entging.
Jetzt besaßen der zum Industriearbeiter gewordene Dienstknecht und die angeheiratete Dienstmagd, die nun für die eigene Familie schuftete, ihr erstes Grundstück, das 96 m² groß war. In Mutters Nachlass fand ich die Kaufurkunde. Ein m² kostete kurz nach dem Krieg, im Jahr meiner Geburt, 3 DM. Für jeden m² erhielten sie einen Bauzuschuss von 2 DM. So bezahlte Mutter, die von Anfang an die Position der "Finanzministerin" einnahm, 96 DM für den eigenen Grund und Boden, auf dem sie nach einem langen Leben auch sterben wollte. Zwölf Monate Invalidenrente für den Kauf des Grundstücks, das auch mir zur Heimat werden wollte und nicht konnte.
Der Grundriss des Hauses, das mitten auf den 96 m² zu stehen kam, betrug 64 m². Auf dieser Fläche würden bald 10 Personen leben. Heute bewohne ich eine solche Fläche allein in meiner Zweizimmerwohnung.
Mit dem Bau des Hauses musste spätestens vier Wochen nach Erteilung der Baugenehmigung begonnen werden; der Rohbau war innerhalb von 6 Monaten nach Baubeginn fertig zu stellen. Erst dann wollte die Stadtverwaltung das Eigentumsrecht an die Eltern übertragen.
So war mein erster Winter nach meiner Geburt von der Eile des Hausbaus geprägt. Viele Verwandte und auch Mutter nahmen die Schaufel in die Hand, gruben das Fundament aus, rührten den Zement an, schleppten und setzten Ziegelsteine. Mutter schob den Kinderwagen, in dem ich lag, auf den Bauplatz. Da stand ich nun zwischen Baulärm und Kälte, zwei Befindlichkeiten, die mich bis zum heutigen Tag körperlich und seelisch malträtieren.
64 m² Fläche, bestehend aus einer Küche, einem Wohnzimmer, dem Schlafzimmer der Eltern, einem Flur und einem Plumpsklo als Toilette wurden mir nun mit Eltern und Geschwistern zur Ausgangswelt für mein Leben. Hier lebte ich 18 Jahre lang mit sieben lebenden und drei toten Geschwistern. Acht Kinder, die sich im oberen Stockwerk drei Zimmer zum Schlafen teilten. Im Kellergeschoß befand sich vor allem Mutters Refugium: eine große Waschküche, in der sie die Wäsche jahrelang im Zuber mit der Hand stößelte, bis die erste Bottichwaschmaschine ihr die Handarbeit erleichterte. Daneben befand sich der hintere Keller, in dem das Sägemehl und auch im Wald gesammelte Tannenzapfen zur Beheizung der Räume im Winter eingekellert waren. In einem Regal lagerten Mutters eingemachte Marmeladen, Apfel-, Holunder- und Birnensäfte, standen ein Krautbottich und ein Kalkzuber, in dem frische Hühnereier eingelegt waren. Der vordere Kellerraum war angefüllt mit Werkzeugen aller Art und Fahrrädern, die für ein ganzes Leben lang selbst repariert wurden.
In diesem Haus würde auf allen drei Ebenen eines Tages mein Kinderleben empfindlich gestört werden, sodass es mir nie zur Heimat hatte werden können.
Dieses Haus, das Mutter 55 Jahre lang bewohnte, lag 100 Meter vom Alters- und Pflegeheim entfernt, in dem sie jetzt nur noch ein kleines Zimmer bewohnen durfte. Nichts Eigenes mehr. Keine Türen zum Abschließen. Da konnte nun jeder eintreten, der wollte. So hatte sich Mutter ihre letzten Jahre wirklich nicht vorgestellt. - Als ihr klar wurde, dass niemand, keines ihrer acht Kinder, auch ich nicht, sie in ihr eigenes Haus zurück bringen würden, muss sie ihrem Sterben zugestimmt haben.   

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