Dr. von Bodmann       (Textauszug)  ©


 

Somit ist Dr. v. Bodmann zumindest zu dieser Zeit ein unbescholtener Bürger geblieben. Dr. von Bodmann war praktischer Arzt in Mengen und wohnte in der Karlstraße Nummer 24. Unzählige Male ging ich als Kind am einstigen Haus des einstigen Arztes vorbei, ohne dies zu wissen, denn Franz, wie er auch noch hieß, wohnte gerade um die Ecke des elterlichen Nachkriegshauses. Dr. Franz von Bodmann und Frau Annemarie von Bodmann wohnten hier gemeinsam in Zelle 01, Block 03 mit dem Blockleiter Johann Eberhard. In der Liste der Nazis der Gruppe A, die ohne Datum wahrscheinlich im Herbst 1945 im Auftrag der französischen Alliierten erstellt wurde, ist der KZ-Lagerarzt Franz von Bodmann angeblich gestorben. So wird es in der Liste vermerkt. Am 12. Mai 1949 schreibt der Mengener Gemeinderat zu seiner posthumen Entlastung, abgesehen von seiner Tätigkeit als Militär-(SS-) Arzt sei Dr. v. Bodmann in Mengen politisch nicht besonders hervorgetreten. Am 25. Mai 1945 verübte Dr. Franz von Bodmann im Lazarett des Kriegsgefangenenlagers in Markt Pongau Selbstmord, um sich der Verantwortung für seine brutalen Taten zu entziehen. Vollständig heißt er Franz Hermann Johann Maria Freiherr von Bodmann, der am 23. März 1908 in Zwiefaltendorf geboren wurde. Zur Welt gekommen ganz nah an der Todesstätte meines Urgroßvaters Konrad Irmisch, der 1938 in der Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten nach Aussagen seiner Tochter und seiner Enkelin, meiner Mutter, ausgedürstet wurde. Dazwischen ereignete sich sein Leben als Ehemann, Vater von drei Kindern und Erfinder der tödlichen Phenolspritze. In Ulm lernte der Freiherr 1941 eine hoch gewachsene Frau kennen, mit der er eine Affäre begann. Dies hätte Mutter Maria Walburga nie und nimmer gefallen, hätte sie es gewusst. Vielleicht hatte sie es gewusst. Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gewusst. Und geschwiegen. Wer weiß das schon. Sie hieß Luise Danz. Der promovierte Mediziner soll das Töten von Häftlingen mittels Phenolinjektionen auch eigenhändig durchgeführt haben. Er war Herr über Leben und Tod wie auch Luise Danz. Sie lebten und töteten Beide im KZ Majdanek. Er war Lagerarzt und sie, nein, man kann nicht sagen sie arbeitete dort als Aufseherin, die zur Oberaufseherin aufstieg, die Peitsche ständig mit sich herum trug. Sie wütete, in welchem KZ sie auch immer war. Sie wütete grausam und bestialisch, während sie zwischendurch mit Dr. med. Franz von Bodmann aus Mengen ihre bestialischen Begierden sexuell auslebte. Sie schlug die gefangenen Frauen mit der Faust ins Gesicht, mit dem Knie in den Magen, unberechenbar, ließ Frauen stundenlang nackt in der Winterkälte stehen. Willkür und Grausamkeit. Dieses Handwerk beherrschte auch Dr. med. Franz von Bodmann, ein außerordentlicher Mengener Bürger. Eine Frau musste laut Anweisungen von Bodmanns Geliebter den ganzen Tag lang bei Eiseskälte mit einer Karotte im Mund vor der Küche stehen. Sie führte erhängte Frauenleichen zur Abschreckung vor. Sie hauste im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek und Auschwitz, im Konzentrationslager Plaszow in Polen, und auch in Malchow, einem Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück.
„Ein polnisch-jüdisches Mädchen wurde von ihrer Mutter getrennt, die selektiert wurde, um Malchow zu verlassen. Das Mädchen bat Danz, sich ihrer Mutter anschließen zu dürfen. Danz antwortete ihr, indem sie sie mit einem Prügel schlug. Als das Mädchen auf den Boden fiel, trampelte sie mit ihren Stiefeln auf ihr herum, bis ihr Bauch platze. Das Mädchen starb auf der Stelle, und ihre Mutter wurde auf den Transport geschickt.“ Dies bezeugen mehrere Berichte von Überlebenden. Die ganze Geschichte der Luise Danz, die von Überlebenden als Teufel bezeichnet wurde, ist im Buch von Gisela Bock, Genozid und Geschlecht, zu lesen.
Vom Mai 1942 – zu diesem Zeitpunkt war Maria Walburga bereits 34 Monate mit Vater verheiratet und hatte selbst ihre ersten Kinder Karl und Berta geboren – bis Mitte August 1942 war Franz von Bodmann im KZ Auschwitz verbrecherisch tätig. Anschließend war er bis April 1943 im KZ Majdanek zum Töten eingesetzt. Bis 15. September 1943 war er als leitender Arzt im KZ Natzweiler-Stutthof im Elsaß nah seiner Heimat, und auch im KZ Vaivaria in Estland tätig. Als Lagerarzt in weiteren KZ in Estland aktiv: in Klooga, Kiviöli, Lagedi, Narva und Ereda. Hier wurden Tausende von Menschen ermordet. 1944 wurden alle diese Lager evakuiert. Häftlinge erschossen. Weitere 10.000 Häftlinge wurden in das KZ Stutthof gebracht und 1945 auf einen Todesmarsch entlang der Ostseeküste Richtung Westen getrieben. Auch Bodmann hatte hier Hand angelegt. Dieselben Hände, die an seinem Wohnort Mengen Patienten behandelten, Ratsherren die Hand schüttelte, gegen die katholischen Schwestern vorgingen, den Körper seiner Frau anfassten, vielleicht auch seinen Kindern über den Kopf strichen. Einstige Hände aus Mengen, deren Verschweigen meine Kindheit umgab.

 

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