Epilog      (Textauszug)   ©    


 

Über Gewalt und speziell über sexualisierte Gewalt und Schweigen zu schreiben ist ein schwieriger Prozess. Zeugnis abzulegen von erfahrener Gewalt mit seinen Langzeitwirkungen ist für alle Menschen mit Opfererfahrung ein immenser Aufwand an Lebenszeit und Lebenskraft. Zeit, Kraft und Arbeit an einem überwältigten Dasein, das ohne diese brutale Einmischung einen anderen Lebens- und Berufsverlauf genommen hätte.
Kein Mensch, dem Derartiges widerfährt, ist nur Opfer. Weder in Kriegs- noch in Friedenzeiten. Ob gewalttätig sexualisiert, geschlagen, drangsaliert, gefoltert und beschädigt. Ob in Schlaf- oder Wohnräumen, in Kellern oder Küchen, in Gärten, Wäldern oder an anderen schönen Orten, die zum Grauen umgeformt werden. Das klassische Opfer ist vollzogen und tot. Am Leben bleiben Menschen mit Opfererfahrung. Sie gestalten ihre Leben dennoch und trotzdem, mehr oder weniger erfolgreich, mehr oder weniger scheiternd, mehr oder weniger gut. Gezeichnete werden mehr oder weniger auch um diese Frage kreisen: wie hätte mein Leben verlaufen können, wenn … es diese Gewalt- und Gräueltaten nicht gegeben hätte, wenn jener Krieg nicht stattgefunden hätte, wenn es keine Konzentrationslager, keine Vernichtungsstätten gegeben, wenn die Gemordeten am Leben geblieben wären, wenn den Folterern vor der Folter die Hände abgefallen wären. Wenn Hannes Buck nicht in meine Familie gekommen wäre. Wenn Traudel einen anderen geliebt und geheiratet hätte. Dann hätte ich mich nicht ein Leben lang an einem Geschehen abarbeiten müssen, das ich weder verursacht noch zu verantworten habe. Ich hätte mir nicht so viele Gedanken über Opfer, Traumatisierte und auch nicht über Täter gemacht. Ich hätte mit großer Wahrscheinlichkeit anderes wahrgenommen, anderes gedacht und auch anderes gefühlt. Ich hätte anders über diese Welt nachgedacht und sie wahrscheinlich auch anders gestaltet. Doch wer weiß schon, ob dies besser oder erkenntnisreicher gewesen wäre. Mit Sicherheit wäre dieses eine Leben weniger schmerzvoll verlaufen. Dann wäre ich zu einem anderen Menschen mit einem anderen Leben geworden. Doch ich weiß nicht, wie dieses imaginäre Leben am Ende gelungen wäre. Trotz allem, was Paula und meinem Leben an Gewalt aufgenötigt wurde, kann ich mir mich als eine andere Person nicht vorstellen. So sehr bewohne ich mich nun selbst im beginnenden wahrscheinlich letzten Drittel meiner Existenz.
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Wie oft verstummen mir die Worte im Mund. Erstarrte Worte auch noch nach vielen Jahren periodischer Arbeit mit dieser gewaltbesetzten Lebensspur. Und dies, obwohl ich eine tägliche und routinierte Schreiberin bin. Dann wollen sich meine Worte nicht mehr in normaler Reihenfolge prosaisch aneinanderreihen. Dann gebärdet sich mein Ausdruck verstockt. Dann gehe ich tagsüber wieder unruhig durch die Welt und schlaflos durch die Nacht. Nun warte ich täglich auf neue und abschließende Worte, die sich schreiben lassen. Ich warte auf Zeichen des Wortes Vergebung. Im Zusammenhang mit sexualisierten Gewalttaten wird mir dieses gehaltvolle Wort zu einem Unwort. Nicht zum Unwort des Jahres, sondern zu einem permanenten Unwort von Taten, die juristisch verkleinert lediglich als Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gelten.
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Zweifelsohne wird Vergebung als hohes moralisches Gut angesehen. An Ihrer Verteilung wird immer noch die Genesung des Opfers gemessen. Obwohl Heilung mit Vergebung nichts zu tun hat. Opfern zur endgültigen Heilung, die eine Märe ist, auch noch die Last und Verbiegung von Vergebung aufzunötigen, ist eine moralische Entgleisung. Eine weitere Gehirn- und Weltverdrehung. Eine Manipulation des Gewissens. Denn Vergebung ist eine Angelegenheit, um die sich der Täter zu kümmern hat. Er müsste sich Gedanken darüber machen, was er tun könnte, damit ihm die Vergebung des Opfers widerfährt. Er müsste sich fragen, warum er gar nicht will, dass ihm vergeben wird. Er müsste sich fragen, warum er seine zerstörerischen Taten an Kindern nicht als Verbrechen betrachten kann. Er müsste gegen sich selbst ermitteln bis er eine Antwort auf die Frage findet, warum er ein Verbrechen begangen hat und es gleichzeitig leugnet. Weshalb er ein Gewissen hat, das unempfindlich gegen Schuld ist. Diese und weitere viele Fragen könnten hier ganze Seminare gestalten und Personen mit Tätererfahrungen einladen, an sich zu arbeiten. Selbstarbeit an der Täterperson gegen gutes Geld. Das versteht sich von selbst. Stattdessen öffnet sich seit einiger Zeit ein gewinnbringender Markt, der die Opfer von Verbrechen umwirbt: Möchten Sie ewig Opfer bleiben? Lassen Sie ihr Opferdasein hinter sich. Trennen Sie sich von ihrem Leben als Opfer. Es braucht nur wenig, um nicht mehr Opfer zu sein. Besuchen Sie unsere Seminare.

 

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