Sexualisierte Gewalt und andere Taten im Schatten einer Kleinstadt  ©   



Ana lebt in Berlin, als der Anruf ihrer Schwester Lotte kommt. Maria Walburga Feldmann liegt im Sterben. Als Ana dort ankommt, ist die Mutter bereits tot. Jedoch nicht ihr Tod und die Trauer um sie, sondern die bevorstehende Konfrontation Anas mit Hannes Buck, der sie als Kind sexuell missbraucht und vergewaltigt hat, versetzt sie in Unruhe und alte Erinnerungen. Denn auch er wird am katholischen Trauerritual teilnehmen. Inmitten des Abschieds von der Mutter ringt Ana um Distanz zu ihrem einstigen Täter, der ihr in der Kirche noch einmal zu nahe kommt. Von dieser grenzüberschreitenden Nähe fühlt sich Ana auch nach 45 Jahren noch belästigt und angegriffen.
Beim Leichenschmaus sitzen Hannes und Ana nur sieben Stühle von einander entfernt, als der Cousin Moritz Ana nach dem Motiv ihrer Namensänderung fragt. Sie nennt ihm als Grund die Taten und auch den Namen des Täters, mit dem alle gemeinsam an der Tafel sitzen und speisen. Alle Geschwister von Ana wissen seit Jahren von Hannes Verbrechen.

Von der Anstrengung der Beerdigung gleichermaßen erschöpft und auch erleichtert, fährt Ana nach Berlin zurück. Hier wendet sich die 56-Jährige erneut den sorgfältig gesammelten Zeugnissen der ihr einst zugefügten sexualisierten Gewalt zu.
Drei Jahre lang schreibt sie nun - als Icherzählerin - die Wirkungen und Langzeitwirkungen der Verbrechen nieder. Als Quelle dienen ihre vor vielen Jahren protokollierten Erinnerungen, alte Tagebücher, Träume, Manuskripte und auch der Briefwechsel mit der damals noch lebenden Mutter.

Die Gewalttaten an dem Kind, die zwischen dem 11. und 18. Lebensjahr stattfinden, werden nun geschildert. Achtzehnjährig verlässt Ana, die damals noch Paula heißt, Familie und Heimat, um ein neues Leben zu beginnen. Doch Hannes Gewalttaten begleiten sie gleich einem Schatten durch ihr Leben.
Im Alter von 35 Jahren konfrontiert Paula den einstigen Täter heimlich im Wald mit seinen Verbrechen, die gerichtlich längst verjährt sind - und fordert eine Entschädigung. Fünf Jahre später lüftet Paula das Tabu vor der Mutter Maria Walburga und auch der Schwester Traudel, die mit Hannes verheiratet ist - und hofft auf deren Loyalität. Doch die Mutter zweifelt an Paulas Worten. Die Schwester beschuldigt sie der Lüge. Und auch Hannes leugnet und diffamiert das ehemalige Kind. Verletzt und auch wütend zieht Paula weitere Konsequenzen und ändert ihren vollständigen Namen. Aus Paula Feldmann wird nun Ana Medusa. Diesen Namen werden die eine Hälfte der Familie und auch die Mutter niemals aus­sprechen.
Anas Frage, ob Maria Walburga damals von den Verbre­chen an ihrer Tochter gewusst und dazu geschwiegen hat, provoziert eine intensive Ausein­andersetzung zwischen Mutter und Tochter, in der Ana auch zur tabuisierten Zeit des Nationalsozialismus Fragen stellt. Maria Walburga aber will über die Verbrechen ihres Schwiegersohnes genauso wenig reden wie über die NS-Zeit. Ihre dürftigen Antworten veranlassen Ana zu eigenen Recherchen im Stadtarchiv des Heimatortes. Hier findet sie Dokumente, die auf andere Opfer und Täter der Vergangenheit verweisen. Sie entdeckt während der Naziherrschaft zwangssterilisierte Männer und Frauen. Weitere Zeugnisse geben Auskunft über den damals hier lebenden KZ-Lagerarzt Franz von Bodmann und über den französischen Faschistenführer Jacques Doriot, der auf dem christlichen Friedhof beerdigt worden ist. Vom jüdischen Friedhof, den es hier einmal gab, sind keine Spuren mehr vorhanden.
Gleichzeitig erinnert sich Ana alias Paula an Chaim Morgenthau, der während ihrer Kindheit ebenfalls hier gelebt hat. Auch über ihn wie über weitere Juden, die hier gelebt haben, findet Ana spärliche Dokumente im Stadt­archiv.

Einmal zerrt eine Pflegerin die Mutter im Altersheim unsanft aus dem Rollstuhl ins Bett, als sie empört schreit, sie sei doch kein Judengaul. Ana forscht nach diesem Judengaul und findet ein Buch mit selbigem Titel.
Vor ihrem Tod erzählt die Mutter, ihr Großvater Conrad sei 1938 in der Heil- und Pflegeanstalt verhungert. Ana fährt dorthin und findet in einer Krankenakte das hier dokumentierte Leben des Urgroßvaters.
In Mutters Nachlass entdeckt Ana schließlich einen Stapel katholischer Sterbebilder. Sie erinnern an viele männliche Familienmitglieder, die in zwei Weltkriegen umgekommen sind. Einige dieser Soldaten nehmen in Anas fragendem Schreiben noch einmal Gestalt an.

Bei ihren Recherchen werden Ana die im Schweigen ungelösten Verstrickungen ihrer Nachkriegsfamilie bewusst. Im Schweigen der Eltern über die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges verbargen sie ihr Wissen um Täter ebenso wie ihr Wissen um Opfer. Wie sollte vor diesem Hintergrund Mutter Maria Walburga ihrer Tochter glauben und zu ihr stehen können?
Mit der Beendigung von Anas Niederschrift stirbt ihr Bruder Karl. Seine Witwe Edda verweigert Ana ihre Teilnahme an seiner Beerdigung. Hannes Buck wird mit seiner Familie daran teilnehmen.

In einem Epilog thematisiert Ana das heikle Thema von Schuld, Sühne und Vergebung, das die gesamte Erzählung durchzieht: Unter welchen Bedingungen ist es zum Opfer gewordenen Menschen möglich, ihren Tätern zu vergeben? Wann ist dies unmöglich und auch überflüssig?    

 

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