Mengen         (Textauszug)   ©


 

Dieses hügelige Voralpenland Oberschwaben, das sich in die Seelenlandschaft des Kindes eingrub gleich hohen Bergen und abgründigen Tälern, zwischen denen es keine langsame Zeit noch Kinderschritte des Ausgleichs gab. Nur Augenblicke der Blinde, die unüberbrückbar mal hier und dann wieder dort die Augen öffneten, ohne jemals den Weg zwischen hüben und drüben zu kennen. Gemessen an den südlicher liegenden großen Bergen, den Alpen, waren es Hügel, auf denen Maria und Josef mit ihrer Kinderschar lebten.
Gemeinsam wohnten sie in Mengen, an diesem alten und lange schon besiedelten Ort der Erde. Wer kennt schon Mengen auf dieser Welt. Eine Stecknadel im globalen Heuhaufen. 3000 Jahre alte menschliche Spuren gingen Mutters Fußtritten voraus. Wie gut, dass der alte Mensch hier nicht nur geschuftet, nicht nur geboren, gearbeitet, gegessen, getrunken, geschlafen und gewacht hat, bevor er, sie, es gestorben sind. Weit über sich hinaus, erdwärts und himmelwärts, haben sie lange vor Mutters Hirnaktivitäten gelebt, gedacht und geglaubt. Ein Urnenfeldfriedhof, der in der Nähe des Mengener Bahnhofes gefunden wurde, ist Zeuge meiner Worte. Ein weiteres Grab lüftete 1955, als ich gerade einmal 5 Jahre alt war, in einer Kiesgrube sein Geheimnis: Ein Wagen in einem Grab, in dem ein Toter mitsamt einem weiteren Wagen verbrannt in einer Urne beigesetzt war. Fast so wie Mutter. Aber ohne Wagen. Mit Urne. Ohne ihren Willen. Im Jahr 2006, ungefähr 3006 Jahre später. Mutters unfreiwillige Anknüpfung an eine uralte Tradition. Jene Toten erhielten für ihren Weg ins Jenseits Speisen auf Tellern und Tonschüsseln. Was nur gaben wir Kinder, Enkel und Urenkel unserer toten Mutter, Großmutter und Urgroßmutter mit ins Jenseits? Maria wollte doch weder im Leben noch im Tod an solch alte Bräuche anknüpfen. Falsche Sitten mit treulosen Göttern. Das waren für sie Heiden. Die falschen Menschen. Die noch nicht Getauften. Ihre Zeit war die Stunde Null, die mit Christus und der katholischen Kirche begann. Eine Geschichte ihrer Kirche war ihr fremd. In ihrem Glauben war Mutter pure Gegenwart. Ihre Kirche existierte ewiglich.
Maria war es egal, wer von den Alten, ob ein Drusus oder ein Tiberius oder sonst ein Halunke, wie sie jeden nannte, den sie nicht kannte, bis zur Donau vordrang. Auch interessierte sie nicht, wie viele römische Straßen in Mengen entdeckt worden waren. Hauptsache, die Straßen waren geteert. Da muss auf dem Fahrrad nicht so viel getreten werden. Noch weniger nahm sie Kenntnis von den Überresten jener alten römischen Villa am Abhang des Missionsberges, die ein Mosaikbild preisgaben, ein Medusenhaupt. In Mengen Maginga.
Dort, wo einst die Kelten lebten, bis die Römer kamen und sie entmachteten. Was sollte Mutter damit anfangen? Davon wird man nicht satt, pflegte sie zu sagen. Wo einst die Römer lebten, bis die Alemannen kamen und sie entmachteten. Kein Wort der Erinnerung stopft die Kindermäuler. Wo einst die Alemannen lebten, bis Attilas Hunnen die Macht ergriffen. Die sollen heiraten und Kinder kriegen. Irgendwann regierte hier Clodwig, irgendwann Pippin der Kurze, irgendwann Karl der Große. Für wen ist das heute noch wichtig. Dann kamen die Avaren und Ungarn, die zu Beginn des 10. Jahrhunderts Schwaben plünderten. Diese Verbrecher, würde Mutter über sie sagen. Hier stritten Welfen und Staufen um die Macht übers Land. Die sollen doch endlich Ruhe geben. Das Volk blutete und zahlte. Gefangene Bauern wurden bestialisch verstümmelt. Die Frauen geschändet, geschlagen, geschoren und in Mannskleidern verschleppt.
Kirchen wurden zu Pferdeställen. So a Verbrecha. Bauern mussten ihre Pflüge leibhaftig ziehen gleich Gäulen, die auf ihr Ende warteten. Für wen soll das heute noch wichtig sein. Eines Tages, am 2. Mai 1770, nur 147 Jahre vor Mutters Geburt, ein Tag, der keinen Platz in Mutters Gedächtnis einnahm, besuchte die Erzherzogin Marie Antoinette, die künftige Königin von Frankreich, die Stadt Mengen. 67 Tage lang schufteten die Bürger willig und auch widerwillig mit Hand- und Fuhrfronen, um dem hohen Besuch die Straße zu erneuern und zu pflastern. Hätte Marie damals gelebt, vielleicht hätte sie mitgefront. Sicher hätte Josef, der spätere Dienstknecht, seine Kraft an Marie Antoinette vergeudet. Er hätte sicher zu den unwillig Arbeitenden gehört. Vielleicht, ja, wahrscheinlich hätte Mutter dann beim Durchzug der Erlauchten mit "gewehrter Hand ihre Aufwartung" gemacht, um den Lohn von 10 Kreuzer hierfür zu erhalten. Zum Hausbau. Zur Versorgung der Kinder. Zum Stopfen des Hungerlochs. Wer weiß schon, wer sich was zu früheren Zeiten geleistet oder versäumt hätte. Wen interessiert das schon.
Und auch Adolf Hitler und seine Schergen und Mitläufer regierten hier. Der mit den Autobahnen. An den, der in Mutters Hinsicht kein Schurke war, erinnerte sie sich gut und heimlich. Bloß des andere hät er it macha solle. Was sie meinte, sagte Mutter nicht. Das lag nicht an ihrem Gedächtnis, das in Zeitlupe vor sich hin schrumpfte
... Einmal im Monat schickte Mutter auch ihre jüngste Tochter zur Beichte, immer am Samstag, bevor die Stille des Sonntags kam. Dort, im Beichtstuhl, vor den Augen der Ölbergmutter, sprach die Kleine ihre Sünden aus: "Ich war unkeusch im Reden, Denken und Tun." So benannte sie Hannes grabschende Finger an ihrem kindlichen Unterleib. Dies sagte sie einmal im Monat hinter der durchlässigen Beichtstuhltür. Anschließend betete sie für die Erlösung von ihren Sünden zehn Vater-unser und ebenso viele Gegrüßet-seist-du-Maria. Mit dem erhebenden Gefühl einer Erlösten ging die kleine Paula nach Hause. An der Türschwelle zum Elternhaus endete der Schutz der Gottesmutter Maria vom Ölberg. Hinter dieser Schwelle lauerte irgendwann und plötzlich wieder Hannes Buck.

 

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