Schweigen        (Textauszug)    ©


 

Meine Gedanken sind oft im Stadtarchiv und suchen selbst in meiner Abwesenheit nach Spuren. Diese Ansammlung von Akten gegen Schweigen und Vergessen. Noch lange wird es dauern, bis die vorhandenen Bestände systematisch geordnet und katalogisiert sein werden. So blieb auch meine Suche eher willkürlich und zufällig. Einzig der Archivar und meine Intuition wurden mir zur Stütze auf der Suche nach den Inhalten des alten Schweigens. Das vergessene Schweigen. Schweigen. Das große Schwei­gen. Kleinere Schweigen. Verschweigen. Durchbrechen. Aufbrechen. Ans Licht bringen. Die meisten Täter leben vom Schweigen wie Maden vom Speck. Für Opfer ist Schweigen wie flüssige Sahne, in der sie solange und oftmals gegen ihren Willen sich erinnernd abstrampeln, bis sie auf Butter stehen, die sich zu Fakten verhärtet. Gerade diese Art von Schweigen ist mir seit langer Zeit zum Forschungsobjekt geworden. Dieses anhaltende Nachkriegsschweigen, in dem Paula aufgewachsen ist und das Hannes seine kriminellen Übergriffe ermöglichte.
Wie nur wäre Paulas Leben und das der ganzen Familie verlaufen, wäre über die vorausgegangene Zeit von Mutters Säbelrassler gesprochen und nicht geschwiegen worden? Hätte Paula in der Schule nicht Mammuts aus fast ewigen Vorzeiten an die Wandtafel gemalt, sondern Zäune von Arbeits- und Konzentrations- und Vernichtungslagern? Hätte dieser schnelle und wahrhaftige Umgang mit der unmittelbaren Vergangenheit, mit noch nieder regnender menschlicher Asche aus den Schornsteinen der Vernichtungslager auch Paulas Zunge lösen können, als Hannes sein erstes Verbrechen an ihr beging? Hätte sie in diesem Fall die bewahrenden und schützenden Worte gegen hörende Ohren aussprechen können? Warum nur verläuft die große Geschichte so und nicht anders und legt sich ausweglos über die kleinen menschlichen Geschichten? Warum nur wirken die Verwicklungen von Zufällen wie auch die geplanten und logischen Verknüpfungen gleich einem erbarmungslosesten Gott so grausam und unumgänglich?
Als hingen an diesem großen Schweigen die Gründe für Paulas kleines Schweigen. Als ob ihre verspätete Rede zur zugefügten sexualisierten Gewalt die Glaubwürdigkeit des Gesagten vernichtete. Nirgendwo lagern Akten über dieses Verbrechen. Hier ist einzig Verlass auf eine frei schwebende Erinnerung, die in jeder Körperzelle von Paula und mir bis zum heutigen Tag nistet. Einzig Tagebücher, Erinnerungstexte, Krankenberichte und die Akten der Namensänderung transzendieren den Grenzwall der Erinnerungshaut.
Gerne würde ich diesen Fall nun archivieren. Die Akte verriegeln. Die Erinnerung versiegeln. Unerledigt schließen. Trotz offen gebliebener Gerechtigkeitslücken. Wie es in vielen weiteren Akten, die im Stadtarchiv lagern, geschieht. Einfach ablegen, bis die Zeit alle Worte, diese Träger der Vergangenheit, zerfallen lässt. So wird es eines Tages auch dem Fall Paula-Hannes ergehen, der spätestens mit meinem Tod zerfallen wird.
Bis dahin und darüber hinaus sollte ich einen Teil meiner selbst archivieren. Dieses Manuskript im Stadtarchiv ablegen. Neben dem Bericht aus dem Kriegsgefangenenlager, in unmittelbarer Nähe von Maria Walburgas einstiger Wohnung, sozusagen zwischen den Koordinaten des einstigen und verschwundenen jüdischen Friedhofs und dem einstigen ebenso verschwundenen Kriegsgefangenenlager der Alliierten, in denen Täter einsaßen. Dann läge Paulas Nachkriegs- und Gegenwartsgeschichte über meinen Tod hinaus im selbigen Raum mit den Listen von Parteifunktionären und sonstigen Parteimitgliedern der einstigen Mengener NSDAP. Hier wäre Hannes Verbrechen archiviert im selbigen Raum mit den namentlich aufgelisteten Blockleitern, den Zellenleitern, Propagandaleitern, Sturmführern, Obersturmbannführern, Ortgruppenleitern, dem HJ-Stammführer Adolf Vetter, der Frauenschaftsleiterin Hildegard Leutz, dem SS-Oberscharführer Fritz Leuze, der BDM-Führerin Toni Vetter, dem Oberscharführer Georg Hildebrand, dem Rottenführer Alfred Gronbach und Karl Musch, Truppenführer Fritz Emmert, dem KZ-Lagerarzt Franz von Bodmann, und weiteren Namen über Namen. Über Hannes Tod hinaus. Mit diesen Listen-Genannten und den Kindern dieser namentlich Genannten mit allem sie umgebenden Schweigen ist Paula aufgewachsen und zur Schule gegangen. Unterrichtet von alten Parteigenossen und Blockleitern, den neuen alten Lehrern, die ihr die Eiszeit der Mammuts nahe brachten und die Ereignisse des gerade beendeten Terrorregimes und seiner Kriege und Morde fernhielt. So fern, dass Paula im Alter von 18 Jahren noch nicht gewusst hatte, was für Abscheulichkeiten in der großen Welt diese Menschen den anderen Menschen, deutschen und nichtdeutschen Juden von nichtjüdischen Deutschen angetan worden waren, und weshalb in Mengen französische Soldaten stationiert waren.

 

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