Denn sie wissen doch, was sie tun.    ©
(Textauszug) 


 

Wie gut, dass ich nicht mehr erinnern muss. Denn es steht alles geschrieben. Ins Gedächtnis gerufen. Erinnert. Bezeugt. Bis in alle Ewigkeit. Oder zumindest, solange Papiere und Speicherplätze die Zeichen bewahren. Einzig technische Kenntnisse zur Konvertierung alter Texte, die auf meiner Festplatte lagern, waren gefragt. Heutzutage, im Jahre 2007, kann man sich kaum mehr vorstellen, wie mühsam schreibende Menschen einst ihre Texte gedichtet und bearbeitet haben. Leichthändig und schnell können wir Schreiberlinge heute am Computer mit Buchstaben und Worten jonglieren. Damals, im Jahre 1985, als ich zum ersten Mal die lang zurückliegenden Taten von Hannes Buck in mühsamer Kleinstarbeit erinnerte und in einem für alle sichtbaren Text niederlegte, schrieb ich auf der neuesten Errungenschaft einer elektronischen Schreibmaschine, die ich gemeinsam mit zwei Freundinnen im Dreierpack mit Rabattnachlass erstand. Zum ersten Mal erschienen die getippten Taten in einem Display und waren zumindest innerhalb dieses kurzen Abschnittes vornehm korrigierbar. Nun lagern die damals verschriftlichten Taten auf einer riesigen Festplatte mit einem Fassungsvermögen von 500 Gigabyte, auf der die Buchstaben inmitten vieler anderer Texte ihre zentrale Bedeutung verlieren. So brauche ich nicht mehr anstrengend erinnern. Nur noch eine Datei aufrufen. Nur noch die einstige, zwischenzeitlich 22 Jahre alte erste Niederschrift über den Explorer als Datei anklicken, und schon öffnet sich ohne weiteres Zutun die Erinnerung der damaligen Taten an dem Kind namens Paula, das ich einst war:

1. Mai 1985:
Sie weiß nicht mehr, ob sie zehn Jahre alt war, oder zwölf oder noch älter. Sie erinnert auch nicht mehr, ob es vor ihrer heiligen Kommunion geschah oder erst lange Zeiten danach. Sie trägt nur die klare Erinnerung in sich, dass es an ihr geschah, und auch, was geschehen war. Dass es über lange Zeit hinweg geschah. Wobei sie nicht erinnern kann, ob es ein Jahr lang geschah oder sich über drei und mehr Jahre hinweg ereignete. Der Schwager hatte Zugang zu ihrem Elternhaus. Im Wohnzimmer der nichts ahnenden Eltern hat er sich Zutritt zu ihr verschafft. Er saß auf der Couch. Niemand war anwesend außer ihm und ihr. Er rief das Kind zu sich. Das Kind ging zu ihm hin. Warum? Warum nicht? Schließlich hatte man den Kindern gesagt, sie sollten nie zu oder mit Fremden gehen. Hannes aber war kein Fremder. Die Kleine ging zu ihm hin. Er stellte sie zwischen seine beiden sitzenden Beine. Hannes sagte, er wolle ihr etwas zeigen. Dann fing er an, sie zu streicheln. Irgendwann gingen seine Hände zwischen ihre Beine und spielten dort so merkwürdig an ihr herum, wie sie es zuvor noch nie erlebt hatte. Plötzlich fing ihr ganzer Körper an zu zittern. Ihr wurde heiß. Ihr wurde schwindlig. Nach einer Weile war alles vorbei und er ließ von dem Kind ab. Was blieb, lähmte, irritierte und verwirrte. So etwas hatte das Kind noch nie erlebt.
Das Kind wusste in jenem Moment eindeutig, dass etwas geschah, was nicht sein durfte. Wie damals, als der Bruder auf ihr lag und etwas Hartes gegen ihren unwissenden Leib drückte. So alt war sie schon, um den Lärm des Verbotenen zu begreifen.
Das Geschehene nahm seinen Lauf, so wie Hannes Buck es wollte. Einige Zeit später sollte er das Haus beaufsichtigen. Die Eltern waren weggegangen. Die jüngeren Brüder schliefen im oberen Stock. Das Kind war krank und durfte unten im Wohnzimmer auf der Couch schlafen. Wieder war er da, hautnah, wie ein ungebetener Geist, der nicht wich. Die Eltern konnten nicht wissen - oder wollten sie es nicht sehen? - welche Folgen ihr Vertrauen in Hannes für ihre jüngste Tochter hatte.
Diesmal wollte er ihr wieder etwas zeigen. Das Kind lag krank in der Waagrechten. Hannes setzte sich auf das Kind. Seine Beine knieten rechts und links des kleinen Kinderleibes. Dann öffnete er seine Hose und entblößte seinen Unterkörper. Sie sah so etwas zum ersten Mal so groß und so nah in ihrem Leben. Sie erstarrte. Mit seiner Hand machte Hannes vor ihren Augen heftige Hin- und Herbewegungen. Dann - plötzlich - es war abscheulich und Ekel erregend, schoss eine Flüssigkeit heraus direkt auf die Haut des kindlichen Bauches, den er sich zuvor frei gemacht hatte. Das Kind war wie gelähmt. Hannes sagte, sie solle sich nicht bewegen. Er erhob sich, ging in die Küche, holte ein Tuch. Sie blieb zurück in Starre und Ekel. Diese elendige Lache auf ihrem Bauch. Diese Körper-Seelen-Verschmutzung, die ihr nicht mehr vom Leib gehen wollte. Jede Sekunde ihres Daseins in diesem Zustand wurde zu einem Jahr. Wem sollte sie diesen Ekel mitteilen?
Anderes als bei seinem ersten Übergriff spielte sich nun in ihr ab. Wohin mit der Abneigung? Wohin mit dem Ekel? Wo sie doch niemandem so zugeneigt war, dass sie es hätte mitteilen können. Es gab keine Person des Vertrauens. Es gab keine schützenden Erwachsenen. Auch keinen Patenonkel, der sich doch einmal für sie da zu sein vor Gott, der Kirche und auch den Eltern verpflichtet hatte. Die Angst, dass solch eine Person es den Eltern weitersagen könnte, war so groß wie der Ekel. Angst und Ekel wuchsen in ihr zusammen. Die Angst vor der Eltern Strafe wurde ihr zwangsläufig zur Falle. Dass sie selbst als die Schuldige entlarvt werden würde, war ihr fraglos und eindringlich klar. Eingeklemmt zwischen Schuld, Ekel, Misstrauen und Angst hatte sie keine offenbarende Macht, sich gegen das Ungeheuer zu stemmen.
Er startete regelmäßige Überraschungsangriffe.

 

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