Opfer und Täter     (Textauszug)  ©



Seit vielen Jahren, und lange bevor ich mein Leben mit Leas Leben verband, habe ich mich auf den Tod von Mutter vorbereitet, auf ihren Tod und auf ihre Beerdigung. Ihr Gehen würde mich, ihre jüngste Tochter, ein allerletztes Mal in eine unerwünschte Situation bringen. An diesen Tagen der Trauer und des Abschiedes würde ich noch ein allerletztes Mal mit einem Täter an meiner Kindheit konfrontiert sein. Ein allerletztes Mal im Rahmen dieser zerbrechlichen Familie. Eine unerwünschte Konfrontation zwischen dem einstigen Opfer und dem einstigen Täter.

Immer wieder hatte ich mir im Laufe der Jahre überlegt, wie ich es schaffen könnte zu veranlassen, dass nicht er, sondern ich am Grabe meiner Mutter stehen würde. Ich ohne ihn. Opfer ohne Täter. Schließlich war ich die Tochter und hatte ein Vorrecht, das jedoch nur ich so empfand. Die Vorstellung, mit Hannes am Grabe meiner Mutter, am Grab seiner Schwiegermutter zum Abschied zu stehen, erschien mir nicht nur absurd, sondern geradezu gefährlich. Wenigstens in meiner Phantasie und als Erwachsene erlaubte ich mir, ihn mit der Peitsche vom Friedhof zu jagen. Manches Mal wollte ich ihm am zukünftigen Grabe der Mutter an die Gurgel gehen. Ihn heimlich aus dem Hinterhalt oder auch direkt und sichtbar erschießen. Zumindest sollte ich eine eigene Grabesrede halten und in meinen letzten Worten an Mutter der am Grabe stehenden Trauergemeinde eröffnen, dass ich wünschte, Hannes Buck möge das Grab verlassen. Hannes war ein Verbrecher. Seine Taten blieben wie viele andere Taten im Dorf und überhaupt in dieser Welt ungesühnt. 

<< Zurück  •  Weiter >>           

Joomla Template gestaltet von Rea Gorgon