Textauszug

Magistra-Arbeit, Kapitel 4


 

4. Implikationen der Definitionsgewalt

Die Bezeichnung "Definitionsgewalt" stellt die Behauptung auf, dass durch die Art und Weise, wie eine Situation dargestellt, ein Sachverhalt festgelegt, eben definiert wird, Gewalt ausgeübt werden kann. Anders formuliert: dass mit der Macht, die der Gestaltung einer Definition zugrunde liegt, Gewalt ausgeübt werden kann und auch ausgeübt wird.
In diesem Kapitel werde ich abschließend zu dieser These Stellung beziehen. Galtungs Analyse der strukturellen Gewalt ist als Folie für diese Darstellung geeignet.144
Er entwickelt eine ausführliche Systematik des Gewaltbegriffes, der auch über das eingeschränkte Gewaltverständnis von Gesetzgebung, Justiz und Massenmedien hinausgeht, bzw. dieses in Frage stellt. So werde ich im ersten Teil die Systematik des Gewaltverständnisses von Galtung darstellen [soweit dies zur Beurteilung meiner Fragestellung hilfreich ist] und nehme vorrangig Bezug auf den Begriff der "Strukturellen Gewalt", der in meiner Auswertung der bisherigen Analysen von Bedeutung sein wird.
Im zweiten Teil werde ich abschließend die Bedeutung der "Strukturellen Gewalt" in Bezug setzen zur vorweg analysierten Definitionsmacht, bezogen auf sexuellen Missbrauch. Da Galtung Begriff und Inhalt der "Strukturellen Gewalt" nicht an der Problematik sexualisierter Gewalt entwickelte, werde ich jene meinem Anliegen zwar zugrunde legen, jedoch eigenständige Überlegungen hierzu entwickeln.

4.1. Verschiedene Dimensionen von Gewalt

Zur Definition und den Dimensionen von Gewalt hält Galtung zunächst fest:

"Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verfassung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung."145

 Zu den Schlüsselworten aktuell und potentiell führt Galtung weiter aus:

 "Gewalt ist hier definiert als die Ursache für den Unterschied zwischen Potentiellem und Aktuellem, zwischen dem, was hätte sein können, und dem, was ist." 146

In Bezug auf die Gewalt, die im sexuellen Missbrauch zum Ausdruck kommt, kann dies so gedeutet werden, dass der Grad der ausgeübten Gewalt sich eben nicht [nur] an körperlich sichtbaren Spuren, an somatischen Verletzungen misst, oder an oftmals schwer nachweisbaren psychischen Beschädigungen, sondern [auch] am Ausmaß der Ent-wicklungsbehinderung, -manipulation und -zerstörung, die betroffene Kinder/Mädchen nicht zur vollen Entfaltung ihrer Potenzen kommen lassen und sich in aktuellen bis hin zu Spät- oder Dauerschäden manifestieren können.
Diese Differenz zwischen Potentiellem und Aktuellem ist allerdings nicht leicht zu beurteilen. Setzt dies doch voraus, dass eine Person ihre potentiellen Möglichkeiten und Fähigkeiten zumindest kennt. Dennoch ist diese Beurteilung sowohl in der Kindheit als auch im Erwach-senenalter möglich. Wenn z.B. die schulischen Leistungen eines Mädchens, das zu Hause sexuell Missbraucht wird, plötzlich und/oder andauernd abfallen, so wird hier die Differenz zwischen dem potentiell Möglichen [das teilweise bereits verwirklicht worden ist] und der aktuell geminderten Leistungsfähigkeit erkennbar. Diese Differenz wäre dann nicht nur als Folge sexualisierter Gewalt zu interpretieren, sondern als Spiegelbild dieser Gewalt selbst als Gewaltparameter zu bezeichnen. Auch erwachsene Frauen, die mit den Spätfolgen dieser Gewalt-erfahrung konfrontiert sind, berichten über das Ringen, gerade diese Differenz zwischen potentiellen Fähigkeiten und dem Widerstand, diese Fähigkeiten aktiv zu leben, aufzuheben.
Es ist nützlich - so Galtung - sich Gewalt als Einfluss vorzustellen, was ein Einflussverhältnis voraussetzt, dem drei Prämissen zugrunde liegen:

1.  etwas/jemand, das/der beeinflusst,

2.  etwas/jemand, das/der beeinflusst wird,

3.  eine praktische Methode der Einflussnahme.

Dies lässt sich zweifelsohne auch als Grundmuster für die Taten des sexuellen Mißbrauchs als Einflusssphäre auf Kinder/Mädchen übernehmen, da es sich hierbei um personale Gewaltverhältnisse handelt.
Gerade aber dieses Konzept von "Gewalt als ein vollkommenes interpersonales Einflussverhältnis" hält Galtung für irreführend, "weil ihr Schwerpunkt auf einem sehr speziellen Typ von Gewalt liegt; auch unvollkommene verkürzte Formen, in denen entweder das Subjekt oder das Objekt oder beides fehlt, sind von großer Bedeutung."147
Um dieses Problem zu erhellen, nimmt Galtung folgende Unterscheidungen vor:

1. Unterscheidung: zwischen physischer und psychischer Gewalt.
Diese Unterscheidung ist längst Bestandteil allgemeiner Erkenntnis und Erfahrung. Dennoch ist anzumerken, dass diese Differenzierung in ihrem Realitätsgehalt noch nicht oder nur sehr unzulänglich Eingang gefunden hat in den Bereich der Strafgesetzgebung, die sich weitgehend an einem physischen Gewaltverständnis orientiert.

2. Unterscheidung: sie besteht zwischen negativer und positiver Einflussnahme. Sowohl durch Belohnungs- als auch durch Bestrafungs-Systeme können Menschen effektiv daran gehindert werden, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. 148
Als Beispiel sei hier auf den Manipulationsgehalt positiver Sanktionen verwiesen, denen Kinder/Mädchen durch Täter ausgesetzt sind, wenn diese durch Geschenke oder emotionale Zuwendung zum Schweigen über die zugefügte Gewalt gezwungen werden.

3. Unterscheidung: sie muss in Bezug auf das Objekt gemacht werden, d.h. gibt es ein Objekt, das verletzt wurde oder nicht? So spricht Galtung auch von Gewalt, wenn weder Personen noch Sachen beschädigt werden. Seiner Ansicht nach ist auch "die Androhung physischer Gewalt und die indirekte Drohung mit mentaler Gewalt" als eine Art psychischer Gewalt zu bewerten, "da sie den menschlichen Handlungsspielraum einengt." 149

"Und genauso ist es mit der psychischen Gewalt, die kein Objekt erreicht: eine Lüge ist nicht deshalb wahr, weil sie jeder glaubt. In diesem Sinne ist Unwahrhaftigkeit gleichzusetzen mit Gewalt..." 150 Zerstörung von Sachen kann in mindestens zweierlei Hinsicht als psychische Gewalt gelten: "Zerstörung von Sachen als Ankündigung oder Androhung einer möglichen Vernichtung von Personen, und Zerstörung von etwas, das Personen, die als Konsumenten oder Besitzer bezeichnet werden, sehr teuer ist." 151

4. Unterscheidung: sie ist die wichtigste und bezieht sich auf das Subjekt und stellt die Frage, ob es ein handelndes Subjekt gibt oder nicht. Während der Typ von Gewalt, bei dem es einen Akteur gibt, als personale oder direkte Gewalt zu bezeichnen ist, wird Gewalt ohne Akteur als strukturelle oder indirekte Gewalt bezeichnet. In diesem Falle "tritt niemand in Erscheinung, der einem anderen direkt Schaden zufügen könnte; die Gewalt ist in das System eingebaut und äußert sich in ungleichen Machtverhältnissen und folglich in ungleichen Lebenschancen. Die Ressourcen sind ungleich verteilt: beispielhaft hierfür stehen die Ungleichheit der Einkommensverteilung und Bildungschancen sowie der Analphabetismus... Vor allen Dingen ist die Entscheidungsgewalt bezüglich der Ressourcen ungleich verteilt." 152
Weiter bezeichnet Galtung die Bedingungen der strukturellen Gewalt als soziale Ungerechtigkeit.
Diese Bedingung der sozialen Ungerechtigkeit, deren Voraussetzung als ungleiche Macht- und Definitionsverhältnisse in das System der Strafgesetzgebung eingebaut ist, schlägt sich meiner Ansicht nach auch in der gerichtlichen Beurteilung des "Vergehens" des sexuellen Missbrauchs nieder. 

5. Unterscheidung: sie muss zwischen intendierter und nicht intendierter Gewalt gemacht werden.
"Diese Unterscheidung ist dann wichtig, wenn die Frage der Schuld entschieden werden soll; denn der Begriff von Schuld ist sowohl in der jüdischchristlichen Ethik als auch in der römischen Rechtsprechung mehr an die Intention als an die Konsequenzen gebunden (demgegenüber bezieht sich die derzeitige Definition von Gewalt ausschließlich auf die Konsequenzen) ."153

Auch in der Beurteilung der Taten des sexuellen Missbrauchs, in der die Schuldfrage zentral ist, trägt die Beurteilung der Vorsätzlichkeit, der Planung, bzw. der Zufälligkeit oder Gelegenheit zur Strafmilderung oder evtl. zur Straferhöhung bei.

6. Unterscheidung: sie wird zwischen manifester und latenter Gewalt gemacht.

Manifeste Gewalt, ob personale oder strukturelle, ist sichtbar, wenngleich nicht direkt sichtbar, da die theoretische Gesamtheit der potentiellen  Verwirklichung auch noch zum Bild gehört.

Latente Gewalt liegt dann vor, wenn die Situation so labil ist, dass das Maß der aktuellen Verwirklichung leicht abnimmt.

"Personale Gewalt hat ihre Bedeutung als Drohung, als Demonstration, selbst wenn sie niemanden trifft, und strukturelle Gewalt hat auch ihren Sinn als Konzept, als eine abstrakte Form ohne gesellschaftliches Leben, die dazu benutzt wird, Menschen so zu bedrohen, dass sie sich unterwerfen: wenn du nicht brav bist, werden wir all die hässlichen Strukturen, die wir früher hatten, wieder einführen müssen."154

Denselben Charakter hat die Drohung z.B. eines Vaters als Täter: wenn du es Mutti sagst, bring ich dich um, oder stirbt Mutti o.a.. Dies sind keine banalen Drohungen, die durch das Ausbleiben ihrer Erfüllung irrelevant erscheinen; diese Drohungen sind selbst vollzogene personale Gewalt. Herrscht dann z.B. in dieser Familie noch eine alltägliche Atmosphäre der Lüge, der Angst und des Schweigens, in das sämtliche Familienmitglieder, im weiteren Kreis auch die anhängende Verwandtschaft, Schulen etc. involviert sind, so ist dies innerhalb dieser miteinander verbundenen Systeme als strukturelle Gewalt zu be-zeichnen. Oder aber, um innerhalb der Thematik meiner engeren Analyse zu bleiben: wenn eine Mutter gerade einen Zeitungsartikel liest, in dem eine vergewaltigte Jugendliche ob ihrer knappen Kleidung für schuldig erklärt wird, da sie den Täter "aufgereizt" habe, sie dann zu ihrer Tochter geht und sagt: "Du trägst mir aber keinen Minirock, sonst bist du selbst schuld, wenn du vergewaltigt wirst", so kann dies als personale wie auch als strukturelle Gewalt definiert werden, die der Jugendlichen entgegentritt. Personal deshalb, weil die Mutter schon im Vorfeld der Tochter als potentiellem Opfer die Schuld gibt; und strukturell, weil dies nicht die individuelle Haltung dieser einen Mutter ist, sondern sie lediglich an einer Pressemeinung partizipiert, die eine Meinungsstruktur in der Öffentlichkeit herstellt oder verfestigt.

Quellenangaben:
144 Johan Galtung, Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Reinbek 1975.
145 Ebd., S. 9
146 Ebd.
147 Ebd., S.10
148 Ebd., S.11
149 Ebd., S.12
150 Ebd.
151 Ebd.
152 Ebd.
153 Ebd., S.14
154 Ebd.
155 Ebd., S.19
156 Ebd., S.20
157 Ebd.

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