veröffentlicht im Frauen-Jahreskalender 2003
Hrsg.: Verlag Ernst Kaufmann
Motiv: Weitergeben


Sich ertragen sich vertragen -
Texte zum Nachdenken ©


Bezugsstellen:

1. Gen 4,9-10; 4,15

ER sprach zu Kajin:
Wo ist Habel dein Bruder?
Er sprach:
Ich weiß nicht. Bin ich meines Bruders Hüter?
ER aber sprach:
Was hast du getan!

die Stimme des Geblüts deines Bruders schreit zu mir aus dem Acker ...

… Und ER legte Kajin ein Zeichen an,
dass ihn unerschlagen lasse, allwer ihn fände.


 (Übersetzung Martin Buber u. Franz Rosenzweig:
 Die fünf Bücher der Weisung. 1976)

2.Matthäus 5,23-24

Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.

(Einheitsübersetzung)


 

Das Motto "sich ertragen, sich vertragen, weitergehen" erinnert mich an einen Satz aus meiner Kindheit, der sich mir verwirrend eingrub, den ich erst später zu entschlüsseln vermochte: "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich": Man nahm es übel, dass gestritten und sich wieder vertragen wurde. Doch war es wertvoll, im Groll, Streit, Hass und Abgrenzung zu verweilen? Oder wurde hier gegen einen faulen Frieden geredet, dem etwas fehlte, das sich zwischen schlagen und vertragen ereignen sollte, sich aber nicht ereignet hat?
Tizian: Kain und Abel. (1570/76, Santa Maria della Salute, Venedig)Dieses schwierige und ungelöste Dazwischen, ein kalter, bedrückender, ein winterlicher Zustand, dieses Geschehen der Entzweiung und Herabwürdigung. Einfache Streitereien können oft auch einfach gelöst werden. Doch was ist, wenn es um Täter-Opfer-Konflikte geht? Sollen Opfer die Taten der Täter ertragen und darüber hinwegsehen? Hinwegsehen: soll diesem Ansinnen von Tätern, das die Opfer verwundet, stattgegeben werden? Wie oft spüren wir gerade an diesen schwierigsten Stellen menschlichen Mit- und Gegeneinanders unsere Mängel und Unzulänglichkeiten, unsere Menschen- und auch Gottferne ...
… ich habe dich geschlagen, dich gedemütigt, verletzt, entwürdigt, dir Unrecht getan - warum verzeihst du mir nicht? Ich möchte mit dir, meiner Liebsten, meinem Freund, meiner Kollegin, meine Verbindung weiter wachsen lassen.
Du hast mich geschlagen, du mein Bruder, bist mir zum Täter geworden, hast mich sexuell missbraucht, gedemütigt, verletzt, entwürdigt, mir Unrecht getan. Wie sollte ich dir verzeihen? Ich flehe zu Gott - doch da ist Schweigen. Ich warte auf deine Einsicht in deine Tat, auf die Annahme deiner Schuld. Doch da ist Schweigen. Und auch ich verharre im Schweigen, entstellt im Schmerz, in der Wut, im Hass und auch im Hunger nach Gerechtigkeit.
Du hast mir angetan. Wie soll ich dich im Angesicht deines Verbrechens an mir ertragen, mich mit dir vertragen, wenn heilende Gerechtigkeit ausbleibt? Gottes Schweigen erinnert an unsere Freiheit und Verantwortung, unsere menschlichen Taten untereinander selbst zur Lösung zu bringen. Doch wie kann ich Frieden schließen mit dir - Kain-Bruder und Kain-Schwester -, solange deine Tat düster zwischen uns steht?

Zwischen Verleugnung und Chance

Einst hat Gott zu Kain gesprochen. Er tötete. Viele Wege und kleine Schritte führen bis zu diesem vollzogenen Mord: Folter, sexualisierte Gewalt, Mobbing, Manipulation, Lügen, Verleugnung und Verrat im Kleinen wie im Großen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Opfer erleben unter Umständen traumatische Zustände. Taten sind eingeschrieben in die Erde und in die Menschen. Sie schreien zum Himmel und suchen Gottes Antlitz. Und als erster spricht Gott: "Du - wo ist dein Opfer?" Und er fragt nach dem Geopferten. In welchem Zustand befindet sich die Person, die du, Kain-Bruder und Kain-Schwester, geschädigt hast? Wirst auch du das Täterwort sagen: "Bin ich meines Bruders, meiner Schwester, meines Nächsten Hüter?" Was gehen mich die Folgen meiner Worte und Taten an? Doch Gott selbst wird zum Fürsprecher des Opfers. Und Gottes erste Reaktion ist nicht Vergebung, nicht ertragen und vertragen. Vielmehr fragt er Kain und gibt ihm die Chance zum Geständnis, zur Übernahme seiner Verantwortung. Er aber lügt und will nicht seines Bruders Hüter sein.

Verantwortung

Und Gott sprach: "Was hast du getan!" Gott benannte die Tat und gab sie in Kains Verantwortung zurück. Ja, Kain, du bist der Hüter deines Bruders - auf dass es zu keiner Tat komme. Doch nun ist's geschehen. Nun ist nicht nur die schreckliche Veränderung des Lebens des Opfers offenbar. Auch das Leben des Täters erfährt eine Veränderung. Unmöglich kann sein Leben nach der Tat seinem Leben davor gleichen. Nicht vor Gott. Er konfrontiert den Täter mit sener Tat. Gott ist hier Stellvertreter für ein Not-Bedürfnis des Opfers. Wer in seinem Leben einmal zum Opfer geworden ist, weiß Bescheid über dieses Bedürfnis zur Linderung der Verwundung und zu deren Heilung: Der Kain-Mensch möge seine Tat zu sich nehmen, eingestehen, verantworten und sagen: "Ja, ich habe getan, ich habe gesündigt. Groß ist die Last der Folgen für mich." Hier trifft der Kain-Mensch - unter dem Druck der Konfrontation mit seiner Tat - eine Entscheidung: Gott, seinem Opfer und auch sich selbst ins Antlitz zu sehen. Das Opfer aber steht auf und möchte antworten ...

Die Gabe an Gott muss warten

Lassen wir den Menschen, der Unrecht getan hat und dies auch gegenüber seinem Opfer weiß, mit seiner Gabe vor den Altar treten. Hier kann sich das Gewissen regen: im Kleinen wie im Großen. Und ich weiß, warum meine Schwester, mein Bruder oder wer auch immer, etwas gegen mich hat, begründet gegen mich hat. Das Jesus-Wort sagt: bringe dein Leben in Ordnung, bevor du mit deiner Gabe Gott wohlgefällig sein willst. Hier wird auf einen der Gabe vorläufigen Prozess der Verständigung und Versöhnung verwiesen, zu dem jedoch zwei gehören. Wie anders jedoch soll der Kain-Mensch vor seinen Abel-Menschen treten als mit Worten des "Ja, ich habe getan, ich habe dir angetan!" Ein Eingeständnis, begleitet von der Unsicherheit, wie wohl die andere Person, die geschädigte, reagieren wird. Kann ich, will ich wieder gutmachen? Erwartet mich Strafe oder Vergebung? Ein unangenehmer Schritt, der den Mut zur Veränderung fordert. Dann gehe zurück und opfere deine Gabe. Und Kain könnte antworten: "Ja, ich bin zum Hüter meines Bruder, meiner Schwester geworden, dem oder der ich angetan habe".

Versöhnung - Vergebung

Sich versöhnen. Das klingt nach Streit, der vorausgegangen ist. Sich wieder versöhnen lässt den Streit schnell vergessen. Doch vergeben und verzeihen: hier ist anderes - Gewalt - vorausgegangen. Vergeben heißt nicht vergessen. Doch auch Vergebung ohne vergessen stiftet Frieden und eröffnet neue zwischenmenschliche Wege, auch wenn sie in der Regel keinen gemeinsamen Weg zwischen Opfer und Täter mehr ermöglichen. So sind wir nicht an die Vollendung von Gleichnissen gebunden, sondern herausgefordert, allseitig den Weg zur Verständigung, den Weg der Heilung und auch der Verwandlung zu gehen. Diese Prozesse erfordern viel Zeit und Geduld, Gespräche und auch Gebete, Zumutungen und Schattensprünge. Sie verlangen Einsicht in die Welt von Opfern wie auch in die der Täter, denen Gott das Kainsmal zum Schutz ihres Lebens verlieh, nicht aber dem Schutz ihrer Tat und deren Verschweigen.
So verbleiben wir in der beständigen Annäherung an eine Versöhnung. Auf Gottes Hilfe dürfen wir bauen. Auf unser menschliches Handeln können wir jedoch nicht verzichten.

 

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