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Dünn ist die Decke der Zivilisation  ©


 

I. Lieber Paul Celan
eines Tages sagte mir Tante Klara, sie habe als Sekretärin bei der Wehrmacht in Polen gearbeitet. Aus dem Fenster geschaut, habe sie die zusammen getriebenen Schlangen der Juden gesehen. Sie hätten alles gewusst. Dann schwieg sie weiter.
An der Aschzeit getränkte Schuld durchlöchert ihr Gewissen zum Schwamm, der Luftblasen saugt.
Erinnerung verweigert ihr die Tränke.
Der Krug stummt randvoll die sperrangelnde Tat.
Ein Überlauf ins Schweigen.
Stumpfsandige Tritte der Blinde.
Lauernde Stille der Hast.
Das gute Leben des mitläufigen Opferlamms lechzt unerkannt nach Vergebung. Die krankenstarre Unruh beugt das alternde Knie auf die wegwischende Kirchenbank. Die Einsamkeit des Schuldschmerzes jammert schweigend ins hörende Ohr und sagt: Alles ist vorbei.
Doch das Gewissen findet nicht Ruh. Nur Grab. 

II.
Gerettete Feldpostbriefe aus Polen, die zur Geliebten sprechen: "Im Jahre des Heils 1939. Heil Dir, liebe Klara, ich feire auf meiner Bude dichterische Feste, besonders mit Goethe, Hölderlin, Stifter, Gertrud von Le Fort, Rilke und Eichendorf. Gestern noch galoppierte ich in der Heimat im Wald herum und übte Krieg. Im Kommandoton habe ich die armen Bauern von ihrer Arbeit gejagt. Es ist das erste Mal, dass ich stolz war, Soldat zu sein. Doch heute, in Polen, kämpfe ich Tag für Tag für Führer, Volk und Vaterland. Darf ich Dir eine kleine Lernprobe von Goethe schicken? - Da Du jetzt Schreiberin der Wehrmacht bist, sind wir Kollegen und Kameraden. - Ich habe die Schrecken des Krieges gesehen und erlebt. Es war nicht immer leicht und man wurde dabei oft sehr klein und still. Doch der Glaube und die Hoffnung und das Vertrauen hat mir immer wieder Kraft gegeben. Wir sind ja so reich denen gegenüber, die ohne dieses Gottvertrauen sind, ohne dieses Wissen, dass einer ist, der alles gütig und weise lenkt. - Liebe Klara, lass Dich von dem ganzen Krieg nur nicht erschüttern. Letztendlich ist es doch eine wahrhaft große Zeit, in der wir jetzt leben. Ein großes Ziel leuchtet auf, es ist die Opfer, den Kaufpreis wert. Du darfst nicht glauben, dass wir Soldaten hier an der Front lebensüberdrüssig und lebensmüde sind und mit Leichenbittermienen in der Gegend herumlaufen. Ganz im Gegenteil. ‚Heiho, noch schäumt das Leben', das ist mein Schlachtruf. Im übrigen gilt auch für mich, was Sören Kierkegaard sagt: ‚Je dunkler es um mich wird, desto mehr wünsche ich zu leben, um zu sehen, ob meine Begeisterung ein leeres Wort war, oder eine Kraft.' - Mir ist in den letzten Wochen in Polen der Tod in vielfältiger Form entgegengetreten. Und dieser Tod, der das gewaltigste Erlebnis für uns Menschen ist, weil er ganz direkt die Abhängigkeit von Gott zum Bewusstsein bringt und ganz direkt hinführt zur Schwelle des jenseitigen Lebens, ist mir nun in meinem engeren Lebensbereich begegnet. Meine Großmutter ist heimgegangen. Nur drei Tage war sie krank und ist dann friedlich und schön eingeschlafen. Dein Josef." (1)

Lieber Paul, wie hättest Du, der schon als Kind Goethe und Schiller las und Rilke liebte, Dein Leben gestaltet, wäre Deine Mutter, die in Transnistrien als arbeitsunfähig erschossen wurde, und Dein Vater, der dort an Typhus starb, friedlich und schön eingeschlafen? Heute ist die einstige Feldgeliebte kinderlos hoch betagt, von Angst umgeben, in der Demenzgeschützt im Altersheim und erwartet panisch mit verschlossenem Mund ihren letzten Richter, der alles weiß und nicht gütig noch weise lenkt.

III.
Lieber Paul Celan, fortgesunken bist Du.
Entkommen den Mündern aus Meisterland.
Zwischen Bruch und Wiederkehr. Dein Dunkelmeer.
langsam, löschte ein Band alles Gekerzte, (2)
Gesprungen, gestürzt, entschwommen.
Atemlos kamst Du ans Ufer gestillt.
deine Ausläufer, Hirnberg, im Herz-Du (3)
- Ich auge die Enden.
DIE NACHZUSTOTTERNDE WELT, (4)
- in ferne Münder gelegt.
Funken zerborstener Flammen. Fluten über Fluten.
Schmerzstürziger Dämmer (5). In den Lüften.
Du hast es gesehen: DIE AXT HAT GEBLÜHT, (6)
Ins Verdrängnis versenkt. Die Gemordeten.
Die Mörder. Die Schweiger. Die Handlanger.
ICH HÖRE, DIE AXT HAT GEBLÜHT, (7)
Die Spaltzung schluckt in stumme Schluchten.
Doch langsam pocht das Entsunken empor.
Vom großen Schweigen bewacht,
such ich das niedergerungene Wort.
Der Tod der Täter ist schneller. Die Dünne der Zivilisation.
Bruchwertiger Unwert. Machtwert und Hohnwert.
Schmalmundige Gerechtigkeiten, scheinkundige Wahrheiten
zerren die Dünne und scharren entzwei.
Schaufler graben sich ihre Wohlstandsnester.
Nachgeborene Münder stammeln verwirrt Keime ins Licht.
Den Schließmund erhellen. Der Bruch redet sich glatt.
Die grellmitläufigen Taten verfallen der Demenz.
Weggeröchelt - bist du geblieben.
Dein Werk - du und dein Werk. Dein Buchstabenwirk.
Nachgelassen: Opfern und Tätern. Mitläufern und Verschweigern. Nachschweigern. Vor- und Nachdenkern. Ewig Gestrigen. Scheinheutigen. Wahrheitssuchern, Lügnern und Verleugnern. Sperrig eingereiht zwischen die Schätze der Zivilisation.
Hier wächst sie dick. Dort dünnt sie aus.
Jenseits von Hier und Dort bricht's.
Täglich. Andernorts. Hier und Global.
Die übrig Gebliebenen. Die ewig Gegenwärtigen.
Die Nachkömmlinge der Meisterhand.
Du: ohne Gnadenbrot des Lebens.
Ich: ohne Gnade der späten Geburt.
Du: Staub zu Staub in der Erde.
Ich halte Buchstabenfelsen in Händen.
Du, in dein Tiefstes geklemmt, entsteigst dir für immer. (8)
Dünnhäutiges Zerbrech. Wer steigt schon freiwillig hinab.
Schreib dich nicht zwischen die Welten,
am Rand der Tränenspur lerne leben. (9)

Sagst du hier. Dort wir, die Nachgeborenen.
Befremden die Tränen. Baden im wiederströmenden Fluss.
Wir von drüben. Zwischenweltwesen. Interkulturell. Interreligiös.
Intersexuell. Eingeschrieben in andere Welten. Multiple Münder.
Verfreit bis zur süßen Neige schlummernder Ketten.
Wir makeln und surfen, simsen und mailen.
Wir reden und reden - alles ist möglich.
Himmel und Höllen aus denselben Händen.
Wir retten und töten. Wir lügen und wahrheiten.
Entwundene Münder teilen sich den großen Schweigemund.
Der Aschbericht. Die Lüfte voller Drängnis.
Langsam rieselt der Staub der Erinnerung.
Zu langsam für die Gemordeten. Zu spät für die Töter.
Dazwischen makeln und surfen wir, simsen und mailen.
Wir reden und schweigen - alles ist möglich.
Deine Augen sind fortgeschwommen.
das neue Geherz, (10)
gemündigt hört uns die Tiefe, (11)
Doch wir wollen nicht mehr fallen.
MEIN GISCHT stieg dir ins Hirn, (12)
Wie konntest du's wissen. Dein Du-Buchstabenmund.

IV.
Wir Nachgeborenen tragen das schweigsuchende Wort:
Schwelende Schuld lärmt Trümmerschweigen
sterbender Elternleiber ohne Mund.
Wir sahen dich nicht kommen und hörten keinen Schrei.
Nicht Teil am Tun noch am Lassen -
kein Prassen der Gewalt an Millionenmassen.
Nicht Hebel noch Rädchen in der Todesfabrik
kleben an Nachkommenhänden.
Doch Teilhabe am Schweigen der Wände.
Wir kamen aus gesäuberten Lüften der Asche
aus dem Wolkenschweig getaucht ins Aufbauweiß.
Ein Stummregen ins Verhängnis der Verdrängnis.
Muttermilch der Schuld.
Sie gällt den Gaumen und nässt nächtlings das Bett.
Tagschweres Blut. Dunkler Blasendrang.
Blinde der Kinderwacht. Ein Wirrnis dem Kommgeist.
Ein Knochenverspann schon vor der Geburt.
Schuldsand aus Elternhand im Kinderaug blind.
Rechts und links der Schlag auf den Leib.
Krankwehender Wind. 

V.
Doch wir, die Erben. Eingeklemmt zwischen familiärem Vergangenheitsschweig und wertlos gewordenen Göttern und Utopien, wir reden und schweigen, wir makeln und surfen, simsen und mailen. Wir demo-kratischen Kommunikationskünstler. Wir Gutgläubigen. Wir graben und schaufeln das Schweigen aus den Lüften. Die Zeit wird eng. Wir leben und konsumieren. Wir trachten nach Sinn und auch Unsinn. Wir glauben, es ist vorbei. Doch es könnte wieder geschehen.
Heute ist niemand mehr geboren, um Urheber großer Veränderungen zu werden. Führerlos und auch führerhungrig vernetzen wir uns in der Welt, die sich zwischen Nationalkriegen und Globalisierung als die Eine gebärdet. Die eine Welt, die nichts Neues zu bieten hat. Doch atomare Verstrahlung, Erderwärmung, Ozonschwund und einen Kampf um Ressourcen, der Menschen zunehmend zu kleinen ökonomisierten Mitmonstern verstaltet.
Utopien vereinsamen an Altersschwäche.
Utopos - kein Ort - nirgendwo - und überall.
Wir sehen das Wanken der Dünne und auch ihre Stützen. Wir sehen, wie auch im demokratischen Outfit die Würde des Menschen ausgedünnt und zerbrochen wird. Wir sehen Gesetze, die der Verarmung von Massen dienen und Gesetze zur Bereicherung von Reichen. Wir sehen den Menschenwert zum Marktwert verkommen. Wir sind Sehende des Guten geworden und auch des Bösen. Doch Sinnverluste streben nicht mehr nach großen Veränderungen. Sie tränken ihre Mäuler an der Resignation und hoffen auf andere Zeiten. Die Zeiten sind klein geworden.
Was für ein großes sinnstiftendes Werk geschähe, wären Menschen in der Lage, sich durch ihre Gesetze und ihr Handeln trotz böser Möglichkeiten für das Gute zu entscheiden - für ihre Nächsten wie auch für ihre Fremden. Dies ergäbe keine Utopie, sondern ein Paradies auf Erden. Wer möchte dies erwarten?
Dir, entstürzter Paul,
Deine Nachgeborene Lara.

 

Quellenangaben:
1 Feldpostbriefe. Privatbesitz. Geschrieben zwischen 16.11.1938 und 17.11.1939.
2 Paul Celan, Gedichte II, Bibliothek Surkamp (1993), S. 283
3 Ebda, S. 325
4 Ebda, S. 349
5 Ebda, S. 268
6 Ebda, S. 342
7 Ebda, S. 342
8 Ebda, S. 338
9 Paul Celan, Die Gedichte aus dem Nachlass (1998), S. 320
10 Ebda., S. 181
11 Ebda, S. 182
12 Ebda, S. 184

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